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SPIEGEL-Interview mit Harry und Campino


SPIEGEL:
Campino, wie hat letztes Wochenende Ihr Lieblingsverein Fortuna Düsseldorf gespielt?
Campino:
Keine Ahnung, ich war seit drei Wochen nicht mehr zu Hause. Und in der Zeitung taucht Fortuna nicht mehr auf, seit sie in der Regionalliga West/Südwest kickt.

SPIEGEL:
Harry, wo hat letztes Wochenende Ihre Lieblingsband The New Wave Hookers gespielt?
Harry:
Keine Ahnung, auch ich war seit drei Wochen nicht mehr zu Hause. Und in der Zeitung tauchen die überhaupt nicht auf.


SPIEGEL:
Campino, ist es nicht besonders dreist, wie die Toten Hosen auf ihrer neuen CD über den Deutschen Meister und Tabellenführer Bayern München herziehen: "Was für Eltern muss man haben, um so verdorben zu sein, einen Vertrag zu unterschreiben bei diesem Scheißverein"?
Campino:
Wir werden fußballmäßig sowieso nicht mehr für voll genommen, seitdem wir Repräsentanten eines Drittliga-Clubs sind. Aber bei der Fortuna handelt sich wenigstens nicht um eine arrogante Truppe, die besser spielen könnte, wenn sie nur wollte.

SPIEGEL:
Harry, ist es nicht besonders dreist, wie die Yeti Girls im Internet über den Deutschen Meister und Formatradio-Tabellenführer Die Toten Hosen herziehen: "Was für Drogen muss man nehmen, um so benebelt zu sein, eine Compactdisk aufzunehmen mit diesem Scheißverein"?
Harry:
Nö, find ich nich.


SPIEGEL:
Campino, gegen die Mächtigen in der Politik loszuzetern haben viele Künstler offenbar aufgegeben, weil sie es für sinnlos halten. Stattdessen schimpfen alle auf die armen Bayern.
Warum eigentlich?
Campino:
Was heißt denn hier "die armen Bayern"? Denen schließen sich doch nur Typen an, die nicht verlieren können und für die es an Majestätsbeleidigung grenzt, etwas gegen die Bayern zu sagen.
Wenn man, wie der FC Bayern, alles hat, dann muss man sich auch ein bisschen ans Bein pieseln lassen können.

SPIEGEL:
Harry, warum schimpft ihr auf die armen Hosen?
Harry:
Was heißt denn hier "die armen Hosen"? Denen schließen sich doch nur Typen an, die keine eigene Meinung haben.
Wenn man, wie der FC Tote Hose, alles hat, dann muss man sich auch ein bisschen auf den Bauch scheissen lassen können.


SPIEGEL:
Campino, Punk-Rock bedeutete mal, immer mit Absicht in die Abseitsfalle zu laufen. Rennen die Toten Hosen mit ihrem Anti-Bayern-Lied jetzt nicht offene Türen ein?
Campino:
Nein, Bayern München kommt in der Gunst des Volkes eher noch viel zu gut weg. Ich glaube, wenn wir den Islam angegriffen hätten, hätten wir weniger Ärger bekommen.

SPIEGEL:
Und Harry, rennen die Yeti Girls mit ihrem Anti-Hosen-Lied jetzt nicht auch offene Türen ein?
Harry:
Nein, die Hosen kommen in der Gunst der Mainstream-Dumpfbacken eher noch viel zu gut weg.
Ich glaube, wenn wir PUR angegriffen hätten, hätten wir weniger Ärger bekommen.


SPIEGEL:
Campino, ist es nicht vielleicht doch der Neid, der Sie treibt?
Der Bayern-Spieler Thorsten Fink glaubt, als Fußballer wären Sie in Wahrheit auch froh, wenn Sie beim FC Bayern spielen dürften.
Campino:
Niemand von uns hat jemals gut Fußball gespielt. Selbst zu unseren besten Zeiten nicht, als wir noch jung waren.
Wir haben das Lied eher aus der Perspektive eines Bauern im Mittelalter geschrieben, der einem anderen Bauern erzählt: Also, König zu sein ist auch ein Scheißleben.

SPIEGEL:
Harry, ist es nicht vielleicht auch der Neid, der Sie treibt?
Der Hosen-Spieler Breiti glaubt, als Sänger wären Sie in Wahrheit schon froh, wenn Sie bei den Hosen im Background grölen dürften.
Harry:
Niemand von uns hat jemals gut Background gesungen.
Wir haben das Lied eher aus der Perspektive eines Bauern im Mittelalter umgetextet, der einem anderen Bauern erzählt: Also, bei der Mini-Playbackshow in der Jury zu sitzen ist auch ein Scheißleben.


SPIEGEL:
Campino, die Gehälter der Toten Hosen ähneln aber inzwischen denen der Bayern?
Campino:
Nein, überhaupt nicht. Selbst wenn wir von der Platte zwei Millionen Exemplare verkaufen würden, könnten wir uns keinen Bayern-Spieler leisten. Noch nicht einmal einen halben.

SPIEGEL:
Harry, die Gehälter der Yeti Girls ähneln aber inzwischen dem eines mittleren Beamten im öffentlichen Dienst, der nach BAT KR/5, Stufe 1 bezahlt wird?
Harry:
Da ist was dran. Wenn wir von der nächsten Platte zwei Millionen Exemplare verkaufen, können wir uns schon einen halben Bayern-Spieler leisten.


SPIEGEL:
Campino, 1989 haben die Toten Hosen rund 150 000 Mark gesammelt ­ Geld, mit dem Fortuna Düsseldorf den Verteidiger Anthony Baffoe verpflichten konnte.
Warum fehlt auf der neuen CD ein Benefiz-Aufkleber wie "Von jeder verkauften Platte gehen drei Mark an Fortuna Düsseldorf"?
Campino:
Weil das nicht reichen würde. Außerdem wollen wir uns nicht wiederholen. Aber ich gehe nach wie vor zu jedem Kabinenfest, wenn der Zeugwart 'ne Runde schmeißt.

SPIEGEL:
Harry, Anfang 2000 haben die Yeti Girls via Internet rund 7 Mark gesammelt ­ Geld, mit dem du eigentlich eine Gitarrenstunde bei Angus Young ersteigern wolltest.
Warum spielst du immer noch so scheisse?
Harry:

Weil eine Stunde nicht reicht.
Ansonsten gehe ich nach wie vor zu jeder Backstageparty, wenn die Band 'ne Runde schmeißt.

INTERVIEW: WOLFGANG HÖBEL, MARTIN WOLF (C) DER SPIEGEL 51/1999 Den Artikel erreichen Sie bei SPIEGEL Online unter der URL http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,56840,00.html

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